Angela Hampel weiß um die Gefahr der Vergeblichkeit,
sie strengt sich an, ihr zu widerstehen.
Was sie zeichnet, malt, wirkt niemals angestrengt, sondern eigenwillig,
ungestüm, energiegeladen.
Sie lebt, manchmal auch physisch, auf der Kante. Sie stürzt nicht ab.
Sie macht keine Zugeständnisse.
Sie bewahrt sich ihre politische Wachheit, ihren unbestechlichen Blick.
Vor allem bewahrt, nein mehrt sie ihre Substanz.
Sie geht einfach weiter, unangefochten, so scheint es.
Das ist ermutigend.
Christa Wolf

Anlässlich der Ausstellung erscheint als Vorzugsgrafik eine Algrafie in limitierter Auflage.

Róža Domašcyna zu Arbeiten von Angela Hampel

Sei dennoch unverzagt

Zu Angela Hampels Biografie nur einige Fakten: sie ist 1956 in Räckelwitz bei Kamenz geboren, wuchs in Kamenz auf, lernte Forstfacharbeiterin und arbeitete in den Wäldern der Lausitz, später dann ein Abendstudium in Bautzen, dann ein Studium an der Hochschule für bildende Künste in Dresden. Seit den 80er Jahren freischaffend. Viele nationale und internationale Ausstellungen und Preise, darunter 2002 die Ringverleihung der Galerie Sonnensegel Brandenburg. Sie hat bislang 20 Künstlerbücher mit Dichtern, bevorzugt zeitgenössischen,  und Illustrationen zu Gedichten gefertigt; die erste zu Stefan Heyms „König David, Bericht“. Danach zu „Medea“ von Christa Wolf. Auch zu Gedichten den Spaniers Federico Garcia Lorca. Sie ist Bergsteigerin, Dichterin, veröffentlicht auch originalgrafische Bücher  – und vor allem Malerin.

Ich will zu ihrem Anliegen, zu einigen ihrer Bilder in dieser Ausstellung sprechen. Zu dem, was sie dazu anregt. Zuerst einmal zum Gedicht „An sich“ von Paul Fleming, der vor über 400 Jahren in Hartenstein/Erzgebirge geboren wurde. Ein zeitloses Gedicht. Wie für das Jetzt geschrieben. In uns bedrängenden Situationen seine Widerhall findend. Im Zu-sich-kommen und im Des-ich-gewiss-werden.  Immer wieder der Versuch in einer Zeit der Umbrüche, Verwerfungen, der weltweiten Naturzerstörung.

Angela Hampel setzt sich damit auseinander, fügt ihre Gedanken zu Bildern. Die Farben: oft rot, schwarz mit weiß. Prima Ballerina ist so ein Bild. Ist es Gaia, die Erdmutter?  Rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz, weiß wie Schnee. Habgier und Neid vergiften sie. Auf „Spitze“ durch das All, durch das Alles zu tanzen, hilft nicht. Immer wieder gibt sie Warnschüsse ab. Leuchtfeuer. Sein Widerschein strahlt auf sie zurück.  Sie sieht die Menschen an, steht ihnen zur Verfügung mit ihrem üppigen, Leben spendenden Leib. Und ihre Signale sind eindeutig: „Schluss mit Lustig“. Sie rächt sich. Und doch ist da noch eine Frage an die Menschen:

„Ihr lebet in der Zeit
und kennt doch keine Zeit
So wisst ihr Menschen nicht von
und in was Ihr seyd.“

Paul Flemming „Gedanken über die Zeit.“

 

Blut fließt, Magma fließt, Wasser fließt. Die Farben blau, gelb, grün mischen sich ein, lodern auf.

Diese Arbeiten sind immer wieder der Versuch, auf die Zusammenhänge hinzuweisen. In Grafiken, Zeichnungen, gemalten Bildern. Sie führen uns Möglichkeiten vor Augen, Metamorphosen. Schmetterlinge beispielsweise, über 160 000 Arten gibt es, Im Aberglauben nannte man sie auch Hexen, Buttervögel, die von der Butter den Rahm stahlen. In Wahrheit ernähren sie sich von Nektar, Tierexkrementen, Urin, Schweiß oder Tränen. Vier Entwicklungsstadien braucht es bis zum Falter. Zuvor sind sie Ei, Raupe und Puppe. Faszinierende Wesen. Sie fügen ihre Eier ans Organische. Die Raupen ernähren sich von Blättern, Samen, Blüten oder Früchten. Der Mensch hat sich den Ausdruck „Umwelt“ zurechtgelegt für die Pflanzen und Tiere. Somit will er sich als Zentrum begreifen.

Welch Irrtum! Sie bilden die Mitwelt, auch er ist ihre Mitwelt. Das führen uns die Arbeiten von Angela Hampel vor Augen. Apropos Augen:  die in ihren Bildern sehen uns an, indem wir sie betrachten. Und wir sehen, wie sich nicht nur Mensch und Mensch, sondern auch Mensch und Tier bedingen. Schmerz und Lust teilen. All dies in lebendiger Bewegung.

Die Ratte tanzt, eine Frau zeigt sich mit Leoparden.  Wer ist gefährlicher? Wer gefährdet wen? Die Kleine Katze sieht uns an und zu. Da kommt mir die nicht nur in der Lausitz kaum bekannte – was auch ein Politikum ist - Dichterin Mina Witkojc aus Burg/ Spreewald in den Sinn, die ihre Gedichte in niedersorbischer Sprache verfasste und während der Nazizeit verfolgt sowie aus Brandenburg und Sachsen verjagt wurde. Noch dem 2. Weltkrieg waren ihr Katzen lieber, als Menschen. Bis auch sie ihr genommen wurden, sie ins Altersheim musste.

Wir sehen Frauen und Paare mit Schlange, der Verführerin, vom Baum der Erkenntnis zu kosten.

Wie viel Erkenntnis sind Menschen zu erlangen fähig? Endet es nicht immer so, wie es die Arbeit Kopf mit rotem Schopf zeigt? Können Erfahrungen an die Nachkommen weiter gegeben werden? Muss jede Generation ihre Erfahrungen allein machen? Die heutige politische Situation beantwortet dies.

Aber wir sehen auch den Menschen mit dem Einhorn, dem wehrhaften, und die Frau mit dem roten Karpfen, den sie achtsam hält. Diesen seit der Antike beliebtesten Speisefisch. Was wird sie tun?

Tiere sind immer wieder auf den Bildern von Angela Hampel zu finden, stets im Bezug zum Menschen: Aale, Moränen, Rotfedern, der Goldfisch. Metamorphosen verschiedener Stadien sind zu beobachten. Angela sagte mir ein Chinesisches Sprichwort: „Es gibt Menschen, die Fische fangen, und solche, die nur das Wasser trüben.“ Fangen und trüben. Das gleiche Handeln, durch die Jahrhunderte, Jahrtausende: In Besitz nehmen, verwerten.

Zum Kosmos der Malerin gehören gleichermaßen die Pflanzen. Blüten vor Blau, beispielsweise. Gefältelt wie Gehirn. Oder Lilien, die Calla. Das Leben der Blüte, über das Ovid in seinen Metamorphosen sagt: „die Lilie knickt, auf hellgrün prangendem Stängel; wie dann plötzlich verwelkt ihr lastendens Haupt, sie herabhängt, und nicht länger sich hält und erdwärts schaut mit dem Wipfel „. Die Spannung zwischen Leben und leben lassen ist augenfällig. Und ich meine auch die Arbeit Das Mädchen und der Tod. Eine bleibende Auseinandersetzung, auch wenn er zu triumphieren scheint, sieht das Mädchen wissend aus dem Bild.

Die Mittagsfrau, die ja im Slawischen die Tödin ist, fragt den Menschen bei Androhung der Tötung nach seinen Mitteln zum Leben. Solange er sie noch weiß, rettet er sich. Die Medusa mit Schlangenhaar und Schuppenpanzer, setzt sich zur Wehr. Verwandelt zu Stein den, der ihr zu nahe kommt. Die Malerin setzt Paare dagegen. Einander zugeneigt sind sie. Um ein Ganzes bemüht, das nicht ohne Ringen zu haben ist.

Kasper siegt, heißt eine Arbeit. Der Kasper zeigt das Victory-Zeichen, das im Mittelalter englische Langbogenschützen den Franzosen zeigten: ihre „Schützenfinger“ als Siegeszuversicht. Der komische Held, der Hanswurst, der Harlekin, der Mester Jackel, der Petruschka, wie auch immer man ihn nennen mag, wird sich durch die Zeit behaupten. Wenn auch seine Kunst oft verachtet wird, weil sie den Menschen herausfordert. Ihm den Spiegel vorhält. Oder Obrigkeiten versuchen, sie in ihrem Sinn zu missbrauchen. Sein Spiel wird gefürchtet. Das, was er zu sagen hat, bleibt ein Dialog zwischen Künstler und Betrachter, zwischen Zustandsschilderung und Traum. Nein, Träume malt Angela Hampel nicht, sagte sie mir. Eher sind wohl auch Wünsche dabei, das Miteinander betreffend. - Obwohl Kaspar Hauser nie zum Erbprinzen von Baden mutierte, bleibt doch die Überlieferung als „Prinzenlegende“, wie in der Kunst das Mögliche geschaut werden kann.

Die Malerin tritt hinter ihre Figuren zurück. Auch Kaspar ist es, der mit unseren Emotionen konfrontiert wird, der sie hervorruft.

Und Kleopatra bleibt im Zugriff der Schlange. Die Alchemistin Kleopatra lebte in der Spätantike. Man sagt, sie zählt zu den vier Frauen, die sich auf die Herstellung des Steines der Weisen verstanden. Ihre Handschrift befindet sich in der Biblioteca Marciana in Venedig. Ihre Arbeit: mystisch-philosophisch-experimentell. Ihre Elixiere der Alchemie zugeschrieben. Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt, ihr Symbol des „Eins ist Alles“. Sie verglich die Beziehung der Alchemisten zu den Philosophen mit den „Müttern, die ihr Kind nähren“. Auch hier eine Metamorphose. Und sie nutzte die Sonne und Viehdung als Energiequellen in ihrem Labor, eine „heutige“ also, diese Kleopatra. Die Malerin lässt uns sie betrachten, während Kleopatra uns beobachtet.

So ist auch Angela Hampel dem Betrachter zugewandt, sie ist Gaia zugewandt und allem, was da kreucht und fleucht. Die Frau mit Gepard zeigt das Vertrauen von beiden Seiten.  

Was wir der Mitwelt antun, tun wir uns an. Lebewesen bedingen einander. Die Malerin fügt es ins bewegende Bild, intensiv. Die Wesen sind zu Gange zwischen Anziehung und Abstoßung, in Umarmung. Verletzbar und auslöschbar. Paul Fleming, der Barockdichter, sagt dazu im Gedicht, das dieser Ausstellung den Titel gab (ich zitiere einige Verse):  

„Sey dennoch unverzagt. Gib dennoch unverloren.
Weich keinem Glücke nicht. Steh höher als der Neid.“ …

„Was Du noch hoffen kannst,
das wird noch stets geboren“.

 

 Róža Domašcyna

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