Impressionen von der Vernissage

Sonntag, 4. Mai 2014, 17.00 Uhr
Einführung:
Dr. Jördis Lademann, Kunsthistorikerin
Musik:
Henriette Mittag, Bratsche

Laudatio von Dr. Jördis Lademann

Verehrte Kunstfreunde,

welche Rolle spielt die Farbe in der modernen Kunst? Welche Bedeutung kommt dem Raum zu? Und wie reflektiert sie ZEIT?

Das, liebe Gäste, sind m.E. nur drei der Aspekte, auf die uns die von Johanna Mittag und Susanne Kiesewetter angebotenen „Sichtweisen“ aufmerksam machen.

Die FARBE natürlich drängt sich, selbst hier im unruhig-bunten art & form-Ambiente zuerst ins Bewusstsein: Nicht allein durch die ungeheure Intensität, die beide Künstlerinnen, auf völlig unterschiedliche Art und Weise ihr zu geben vermögen, sondern auch in ihrer unterschiedlichen MATERIALITÄT.

Farbe ist ja nicht nur der visuelle Reiz, den unsere Augen wahrnehmen und die psychische Gestimmtheit, die er vermittelt: die Entscheidung, mit welchem Material, (mit welchem Bindemittel) der Künstler Farbpigmente zum Einsatz bringen will und auf welchem Träger - diese Entscheidung gehört für einen Künstler zu den allerersten und grundlegenden Fragen, vor Beginn jeder neuen Arbeit.

In Öl auf Leinwand arbeitete Susanne Kiesewetter bevorzugt für die Ausstellung hier, Johanna Mittag mit Pastellkreiden auf Tonpapier von oft dunkler bis schwarzer, faserig rauher Oberfläche, auf welcher die Farben warm, klar und heiter hervor leuchten. Diese Materialkombination trägt ganz wesentlich zu der wohltemperierten Atmosphäre der Blätter bei – frisch und lebendig.
In Susanne Kiesewetters Auswahl an Ölgemälden dominiert ein eher kühler, zur Monochromie tendierender Grundton in Blau oder Grün.

Beide Methoden sind altmeisterliche Maltechniken, deren traditioneller Handhabung jedoch beide Künstlerinnen ungewohnte „Sichtweisen“ entgegen halten. So betont Johanna Mittag, (obwohl die Pastellmalerei i.A. gerade wegen der sanft ineinander verwischbaren Farbübergänge geschätzt wird), eine klare Trennung der einzelnen Farbflächen - in den neuesten Blättern der „Brückenbögen“ und „Kaleidoskope“ gern auch durch schwarze oder rote Konturierung. In gewisser Weise erinnern diese Blätter an die weniger bekannten Farbflächenstudien Paul Klees aus den 30er Jahren, in denen er  mit Pastell v.a. auf Jute, Baumwolle o.a. textile Träger experimentierte.

Dass in allen Arbeiten, trotz des leuchtenden Kolorits regellos - aber überall - der gedeckte Grundton des rauen Papiers durchscheint, gibt den Pastellen von Johanna Mittag ihren samtigen, lebendigen Atem. Rhythmisch, stark auf die einzelnen Flächen konzentriert, spielt bei ihr der Raum nur insofern eine Rolle, als sich in der Phantasie des Betrachters doch immer wieder gegenständliche und räumliche Assoziationen herstellen. Und zwar nicht nur bei Titeln, die dies nahe legen, wie etwa „Am Waldrand“, „Nacht über dem Land“, oder „Verborgener Ort“ aus den Vorjahren, sondern auch bei den noch stärker abstrahierten, fast ganz in viereckige und dreieckige Farbflächen aufgelösten „Brückenbögen“ und „Kaleidoskopen“.
Je stärker in der Regel ein Betrachter auf seinen o p t i s c h e n Gesichtssinn fixiert ist, desto vielgestaltiger werden ihm diese Bilder erscheinen.
Andere, eher akustisch oder rational orientierte Betrachter, werden stärker durch Rhythmik und farbliche Akkorde angesprochen werden, wie durch ein Musikstück.

Und tatsächlich sind Rhythmik und Struktur die Phänomene, die die Musikerin Johanna Mittag momentan auch in der Malerei am meisten interessieren, denn auch die Musik lebt ja von Struktur und Rhythmus. Doch wie temperamentvoll, wie bravourös ein Stück auch gespielt wird, i. d. Regel ist das Hören oder Spielen von Musik ein flüchtiges Erlebnis. Auch kann eine Orchestermusikerin nur bis zu einem gewissen Grad EIGENES in ihr Spiel einbringen, anders, als in der Malerei. Deshalb, so sagt sie, hat sie, obwohl sie immer schon gern malte und zeichnete, diesbezüglich nie Unterricht nehmen, sondern ihren eigenen Weg finden wollen: „Ich muss mich dabei an niemanden halten, nicht mit anderen zusammenspielen und auch nichts spielen, was andere geschrieben haben.“ So kann sie malend voll aus sich selbst heraus schaffen, und erhält – wider die Flüchtigkeit des Augenblicks – ein Resultat, das für eine längere Zeit Bestand haben kann.

Diese Art freier, abstrakter Malerei ist ihr ein notwendiger, wohltuender Ausgleich für ihr geordnetes, diszipliniertes Musikerleben geworden. Ihre Bilder verströmen eine zeitungebundene Lebensfreude.

Wider die Flüchtigkeit des Augenblicksdas ist auch ein Stichwort für Susanne Kiesewetters Malerei.
Doch anders als für Johanna Mittag sind für sie reale Räume und reale Gegenständlichkeit von zentraler Bedeutung. Manche ihrer Arbeiten wirken auf den 1. Blick geradezu fotorealistisch.

Sehen Sie die Motive, die uns allen vertraut sind: die Elblandschaften, das Blaue Wunder oder aber auch die „Sumpflandfragmente“, das „Lichte Rauschen“ und „Im Fluss“. Entgegen der eingangs bemerkten kühlen Farbigkeit finden sich in diesen Ölgemälden nicht nur die Prinzipien sachlicher Darstellung, sondern auch die äußerst atmosphärischer Lebendigkeit.

Hatten wir nicht in den letzten Tagen ebensolche grau über dem Wasser liegende Stimmungen?

Die Präzision aber, dieser stimmigen Atmosphärigkeit  erreicht Susanne Kiesewetter, so widersinnig das klingen mag, durch das Vermeiden von Eindeutigkeit. Fast keine wirklich konkret fassbare gerade Linie, kein wirklich scharf umrissenes Objekt findet sich beim genauen Blick auf die Details. So wie der Fluss des Lebens niemals stille steht, legt sie jeweils mehrere Momentaufnahmen übereinander, die auf der Bildebene, mit der Farbe,  ineinander verschmelzen.

Susanne Kiesewetter bekennt sich zu einer Arbeitsweise, bei der sie von einem Motiv jeweils mehrere Skizzen und Fotos zugrunde legt, die zu unterschiedlichen Tageszeiten und unter verschiedenen Witterungsverhältnissen entstanden, um sie anstelle herkömmlicher Skizzen

digital als Bildvorlagen zu bearbeiten. „Irgendwann“, heißt es in der Besprechung einer ihrer vorausgegangenen Ausstellungen; „Irgendwann löst sich das zu malende Bild von der fotografischen Vorlage und bekommt eine Eigenständigkeit, die Ort und Zeit transzendiert. In der Überlagerung mehrerer Zeitpunkte und mit der digitalen Fotografie als Zwischenschritt unterscheidet sich Susanne Kiesewetter von den frühen Impressionisten. Was Monet  (bspw. in seiner Bildserie von zwei Getreideschobern  im Sonnenlicht, mit Raureif, im vollen Sonnenlicht oder bei Sonne und Nebel). Was Monet nacheinander malte, malt Susanne Kiesewetter übereinander.“ Und weiter unten fasst Lena Naumann zusammen: „Wie damals malt die Künstlerin heute nicht das die Dinge Unterscheidende, sondern das sie Verbindende und stellt ihre Motive als von Licht und Bewegung hervorgebracht dar – von Lichtverhältnissen, die ständig wechseln und alles andere als statisch und schon gar nicht fixierbar sind. Diese Bilder sind die endgültige Aufhebung der Endgültigkeit von Eindrücken.“

Aber dies schon wie ein Schlusswort klingende Statement über Susanne Kiesewetters Arbeiten aus dem Jahr 2009 soll natürlich noch lange nicht das letzte Wort über ihre Kunst sein.
Sie hat seitdem, in den Jahren 2013 und 2014 Arbeiten geschaffen, die dieses, den Lauf der Zeit integrierende Bewusstsein zum Einen sehr intensiv in ihren weitgehend in den unberührten Raum der Natur verlegten Sumpflandbildern thematisiert und deren Fortbestand durch die Fragmentierung einer erneut detaillierteren Infragestellung unterworfen. Zum Anderen wandte sie sich, nachdem sie viele Jahre lang Bahnhofs- und Schienenlandschaften an verschiedenen Orten beobachtet hat, mit dem Blauen Wunder nun wieder einem ingenieurtechnischen Bauwerk zu, das optisch und verkehrstechnisch tief in den urbanen Raum eingreift, einen urbanen Raum, der, wie wir wissen, sich viel auf seine harmonische Einbettung in seine natürliche Lage zugute hält.

Wir sehen die Brücke zunächst ganz unpolemisch, als Verbindung zweier Ufer.
In den unüberschaubaren Reflektionen des stählernen Strebewerks spiegeln sich aber auch Last und Ballast, Gewinn und gleichzeitig erzielte Einschränkungen dieses, sowohl das Jahrhundert des beständigen Fortschritts symbolisierenden Bauwerks, als auch der Sehnsucht der Bewohner nach Frieden und Erhalt des Gewonnenen.

Dass Susanne Kiesewetter sich, auch in ihren Radierungen, gerade von solch komplizierten Konstruktionen angesprochen fühlt, zeugt davon, dass auch sie sich, wie Johanna Mittag, nicht ausschließlich als Malerin fühlt.

Nach Bühnenbild und Malerei an den Kunsthochschulen in Dresden, Venedig und Berlin, hat Susanne Kiesewetter noch Architektur studiert. Zeitweise arbeitet sie in verschiedenen Architekturbüros. 

Das Leben ist nun einmal, wie die Kunst – und heute vielleicht weniger denn je – keine Einbahnstraße.

Wie wir uns, als wahrnehmende Subjekte, ändern sich Farben, Licht und Raum permanent.
Die immer stärkere Dynamisierung unserer Lebensprozesse, unsere eigene Mobilität und nicht zuletzt die zunehmend allgegenwärtige virtuelle Vernetzung machen den Zeitfaktor zu einem unserer unschlagbaren Mit- oder Gegenspieler.

Gegen die Flüchtigkeit des Augenblicks – für ein bewusstes Erleben beständig im Fluss befindlicher Prozesse arbeiten sowohl Susanne Kiesewetter mit ihrer Ölmalerei auf Leinwand als auch Johanna Mittag mit ihren Pastellen von verbindenden Brückenbögen und alles neu auffächernden Kaleidoskopen.

Zwei junge Malerinnen stellen sich vor, in souverän beherrschten traditionelle Maltechniken, mit denen sie zeitgemäße, überraschende Perspektiven schaffen.
Haben Sie, liebe Gäste, Freude am Entdecken dieser Perspektiven und an der Begegnung mit Susanne Kiesewetter Johanna und last but not least: Henriette Mittag.

Dr. Jördis Lademann, Mai 2014

 

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