Impressionen von der Vernissage

Sonntag, 1. Februar 2015, 17.00 Uhr
Einführung: Karin Weber, Kunstwissenschaftlerin
Musik:
Gennadiy Nepomnyashiy, Klarinette / Alexander Kens, Gitarre

Laudatio von Karin Weber

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie von ganzem Herzen und freue mich sehr, dass Sie der Einladung zur Eröffnung dieser Ausstellung mit Arbeiten des Dresdner Künstlers Reinhard Springer gefolgt sind.

Von dem Zeitpunkt an, als ich das erste Mal mit seinen Arbeiten konfrontiert wurde - das muss so um das Jahr 1987 gewesen sein – war ich überzeugt von der bildnerischen Intensität seiner Werke.  Ich habe ihn nie mehr aus den Augen verloren und es war mir vergönnt, seine Entwicklung zu begleiten. Lassen Sie mich meine Einführung in diese Ausstellung mit Worten von Caspar David Friedrich beginnen:

„Wo Herz und Gemüt erkaltet sind, da kann Kunst nie heimisch sein.“ und: „Hüte dich vor kalter Vielwisserei, vor frevelhaftem Vernünfteln, denn sie töten das Herz und wo das Herz und Gemüt im Menschen erstorben sind, da kann die Kunst nicht wohnen.“

Reinhard Springer fühlt sich mit dem Naturromantiker eng verbunden. Wie dieser es war, ist Reinhard Springer auch kein Pleinairist, der mit der Staffelei unter dem Arm sich der Natur aussetzt, sondern das Augenerlebnis ist ausschlaggebend für die spätere bildnerische Umsetzung, in die neben der Wahrnehmung auch Erlebtes mit verarbeitet wird.
So ist der Titel der Präsentation „Verborgene Landschaften“ durchaus berechtigt.
Diese Ausstellung konzentriert sich in einer Auswahl auf die letzten 15 Jahre im Schaffen von Reinhard Springer und zwar auf  die Landschaftsdarstellung als Mischtechnik auf Papier und auf Leinwand oder als Ölmalerei auf Papier.
Nicht allgemeinverbindlichen ästhetischen Regeln folgt Reinhard Springer devot. Das wird ersichtlich. Er macht keine Zugeständnisse an den Geschmack. Er ist formal ganz einfach nicht korrumpierbar, sondern folgt wahrhaftig und ehrlich dem Anspruch Caspar David Friedrichs, der da meinte:
„Ein Bild muss nicht erfunden, sondern empfunden sein. Jedes Bild ist mehr oder weniger eine Charakterstudie dessen, der es malt und keiner ist Maßstab für alle, jeder nur Maßstab für sich und für die ihm verwandten Gemüter.“
Reinhard Springer ist ganz darauf fixiert, sein eigenes Erleben und Empfinden sichtbar zu machen und an andere Menschen weiterzugeben. Es manifestiert sich hier in der Ausstellung  seine erdgebundene Wurzelhaftigkeit. Man wird angesichts der Arbeiten nahezu lautlos fortgetragen vom Sfumato der Farben.
Es gibt keine harten Kontraste, sondern eine eher zurückhaltende Farbigkeit von ockerbeigem braun, braunrot, durch die sich schwarze Linien vernetzend ziehen. Mitunter wird ein Flirren sichtbar, das die Sehnsucht des Betrachters in romantischer Weite mitreißt, dorthin, wo eigene Träume wahrscheinlich verortet sind.
So anders kann man Welt sehen, so reduziert auf das Wesenhafte, so schweigsam und so voller Sprache, so fern und doch so gegenwärtig, so abstrahiert und doch so realistisch.
Ungewohnte, delikate Farbsensationen erreichen im Zusammenklang mit Tönungen eine unerwartete Musikalität, die das Atmosphärische unterstreicht, den Nebel, die Himmelsweite, das Gewitter und den Lichteinfall, die Dämmerung und den Regen, Frühlingslicht und Herbstglut.
Der Spiegel, in den Reinhard Springer blickt ist oftmals dunkel verfärbt, aber aus dieser Dunkelheit kristallisiert sich ein kostbares Leuchten heraus. Sicherheiten im Ungesicherten Lebensfluss vom Werden und Vergehen sind Linien und Strukturen, Astwerk, Horizonte.
Die Intensität der symbolhaften Bildfindungen, seine sensibel verschlüsselten Botschaften wühlen im Betrachter etwas auf, das man nur vage beschreiben kann. Dies hat etwas mit der Sehnsucht zu tun, dem Leben einen Sinn zu geben, eine eigene Spur zu hinterlassen. Reinhard Springer ist ein Realist im positiven Sinne des Wortes, einer, der sich zu seinen romantischen Neigungen bekennt.
Er fand zu einer bemerkenswert eigenständigen expressiven, künstlerischen Handschrift, die von der Linie dominiert wird.
Selbst die malerischen Mischtechniken auf Papier verraten einen bemerkenswerten Zeichner. Die Schicht um Schicht aufgetragene, teils mit Sand vermischte Farbe ergibt eine reliefartige, schrundige Oberflächenstruktur, eine lebendige, atmende Malhaut, in die gleichsam das Leben seine Spuren gräbt.
Reinhard Springer studierte Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Zwei Hochschullehrer haben ihn dort nachhaltig beeinflusst:
Gerhard Kettner, den er als einfühlsamen Lehrenden und herausragenden Zeichner schätzte und Günter Tiedecken,
der in zu lockeren, bildnerischen Improvisationen ermutigte.

Viele Reisen führten Reinhard Springer nach Schweden und Norwegen, Dänemark, Rügen und Schleswig-Holstein.
Er war fasziniert von der Unberührtheit der Natur, der Weite der Horizonte, dem Licht der Sonnenauf- und Untergänge, der Urwüchsigkeit und dem bewußten Empfinden des Ausgesetztseins den mächtigen Naturkräften gegenüber. Er spürte an diesen Orten eins zu sein mit den ewigen Naturkreisläufen. Aber auch in Dresden wurde der Künstler fündig, fand eine neue Sicht auf das Stadtpanorama, wurzelte sich in der Dresdner Neustadt, porträtierte Hauswände, zeichnete ganze Straßenzüge, fand in Kauscha und am Wilisch seine Motive, auch in der Sächsischen Schweiz oder im Gebergrund. Aber ganz besonders faszinierend sind die Feldlandschaften, die Novemberlandschaften auf dem Wilisch und die Gewitterlandschaften bei Dresden, aus denen etwas versöhnlich Ewiges spricht. Reinhard Springer steht in einer langen Traditionslinie.
Der Renaissance-Mensch Leonardo da Vinci bezeichnete übrigens Naturbetrachtung als „Glockenläuten, aus dem man heraushört, was man an Vorstellungen in sich trägt.“
Im Zeitalter des Spätbarock war die Darstellung der Natur verbunden mit dem Erfassen von  dramatischen, atmosphärischen Stimmungen. In der Klassik betrachtete man Landschaft in stiller Einfalt und edler Größe.
Die Dramaturgie landschaftlichen Erlebens steigerte sich mit der Naturmystik der Romantiker. Für Carl-Gustav Carus war sie eine Offenbarung. Er schrieb: „stille Andacht ist in Dir, Du selbst verlierst Dich im Raum, Dein ganzes Wesen erfährt eine stille Läuterung und Reinigung... Du gehst ein in den Kreis der Natur und erhebst Dich über Dich selbst.“ Cezanne, Wegbereiter der klassischen Moderne, gestand sich ein: „Ich habe die Natur kopieren wollen, es gelang mir nicht, von welcher Seite ich sie auch nahm. Aber ich war mit mir zufrieden, als ich entdeckt hatte, dass man sie durch etwas anderes repräsentieren muss, durch die Farbe als solche. Man muß die Natur nicht reproduzieren, sondern repräsentieren. Wodurch? Durch gestaltende farbliche Äquivalente.“
Jedermann weiß, dass das Schicksal der Natur untrennbar mit dem Schicksal der Menschheit verbunden ist, dass mit dem biochemischen Prozess der Photosynthese Sauerstoff in die Atmosphäre gelangt, dass der Mensch durch Bäume atmet. Selbst in uralten Märchen und Sagen ist die Existenz von Natur mit geheimnisvollen, rätselhaften Mächten verwoben, die gnadenlos Einfluss auf das Schicksal von Menschen nehmen können.
So sind auch die Landschaftsdarstellungen von den figürlichen Zeichnungen im Werk von Reinhard Springer nicht zu trennen. Es existiert eine Zweieinigkeit, die sich zu einer Dreieinigkeit mit dem Menschen Reinhard Springer verbindet. Seine selbstquälerische Gedankentiefe, seine Empfindungskraft und seine Empfindsamkeit sind immer mit den Bildern, über das dargestellte Thema hinaus, präsent. Er steckt voller Ideale und Demut, die er lebt und niemals preisgeben würde. Er gehört zu denen, die mit Besessenheit arbeiten, dem schnellen Lob misstrauen, die voller Selbstzweifel stecken und da sie noch nach Wahrhaftigkeit streben, wäre es die größte Beleidigung ihnen heuchelnd und scheinheilig zu begegnen.
Und somit hält er auch den Betrachtern einen Zerrspiegel vor Augen und gemahnt an die Vergänglichkeit allen Lebens, vermittelt aber auch Zuversicht. Man spürt angesichts der Werke tiefer, dass die Welt an zerstörerischer Oberflächlichkeit krankt, dass man tief empfinden muss, um zu bestehen.
Reinhard Springer selbst wirkt bescheiden und dennoch ist er kein Stiller. Denn seine Werke - schaut man sie sich ganz genau an – tragen in sich eine latente Explosivität, eine alles verbindende Menschlichkeit,  die  mit einer nahezu weisen Einsicht in elementare Lebensvorgänge und Lebensempfindungen einhergehen.
Unserer dualistischen Denkweise entspringt das eigentlich Wissen um eine universelle Ganzheit, dass der Tod die Ergänzung des Lebens ist, die Nacht die Ergänzung des Tages, der Mond das Pendant zur Sonne ist, das es einen unleugbaren Zusammenhang zwischen Tier und Mensch und Seele und Körper gibt und diesen harmonischen Gleichklang, diese Balance vermitteln für mich die Arbeiten von Reinhard Springer.
Besonders auch die nordischen Landschaften mit den harten Horizontlinie und den weiten brennenden Himmeln, die Ackerfurchen auf den Feldlandschaften, die man nahezu riechen kann.
Die Gabe mit dem Zeichenstift und dem Pinsel, im freien Spiel von Farben, Linien und Flächen dem Vibrato seiner Seele nachzuspüren, und dies möglichst derart bildhaft, so dass der Betrachter, sichtlich beeindruckt oder erschüttert, zum eigentlichen Resonanzkörper wird, ist ein kostbares Geschenk an uns.
Reinhard Springer ist ein Künstler, der in eigenbrötlerischer Zurückgezogenheit ein Werk erarbeitet hat, dass zu dem Besten zählt, was die sächsische Gegenwartskunst hervorgebracht hat.  

Karin Weber

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