Impressionen von der Vernissage

Vernissage
Sonntag, 14. August 2016, 14 Uhr
Schloss Wackerbarth · Wackerbarthstraße 1 · 01445 Radebeul
Begrüßung
Martin Junge, Schloss Wackerbarth
Ingeburg Feuerstack, Galerie art+form
Einführung Rüdiger Giebler, Künstler und Weggefährte von Moritz Götze
Musik Stilbruch
Sebastian Maul (Cello), Eli Fabrikant (Geige), Gunnar Nilsson (Schlagzeug)

 

Rüdiger Giebler zur Vernissage am 14.8.2016

Sehr verehrte Damen und Herren,  liebe Sachsen,

was soll ich ihnen erklären?

 

Wir beginnen mit zwei ganz gewöhnlichen Bildbeschreibungen.

Auf der einen Seite sehen sie August den Starken. Den kennen sie alle. Wenn an den nunmehr seit dreihundert Jahren tratierten Gerüchten über sein ausschweifendes Liebesleben etwas dran ist, und irgendwie sind diese Gerüchte ja Teil des sächsischen Nationalstolzes – dann stehen die meisten von ihnen mit dem König im verwandschaftlichen Verhältnis. Sachsen ist so gesehen ein Land der nachhaltig praktizierten Familienaufstellung.

Götze umringt August den Starken mit ihm huldigenden Engelchen. Der in dem Monarchen personalisierte Staat erscheint als Garant der Gemeinwohls und Prosperität. Ein feiner Traum, selten war man in Deutschland näher dran.

Unter der Büste erstreckt sich das schöne Sachsen als eine Modelllandschaft. Dekorativ stehen da einige weltberühmte architektonische Besonderheiten am Elbestrand. Aus den Kulissen schauen der verdiente Heimatforscher Matthias Griebel, die Reichsgräfin von Cosel und der Alchemist Johann Friedrich Böttger. Und am blauen Himmel fliegt das erste deutsche Strahlenpassagierflugzeug Baade 152 aus Dresden-Klotzsche für immer im Sonnenschein seine Runden. Das Ganze ist Zier und Andachtsbild zu gleich.

 

Gegenüber Venus und Amor.

Venus die Schaumgeborene, deren Geburtshelfer gewissermaßen ihr großer Stiefbruder Cronos war, der seinen gewalttätigen Vater Uranos die Hoden mit einem Sichelchen abschnitt und ins griechische Meer warf, das schäumte dann gewaltig auf und darauf betrat Venus an Zyperns Küste festen Boden.

Amor, der Junge mit den Bogen, ist ihr Sohn. Dessen Vater ist Mars, eine Gestalt in der sich auch August der Starke, mit dem sie ja alle verwandt sind, gern gesehen hat.  

Mutter und Sohn in Lebensgröße, frei nach Lucas Cranach, dem Älteren? nehme ich an.

Ein sehr beliebtes Motiv in der Renaissance, die Cranachwerkstatt hat dutzende dieser Bilder auf den Markt gebracht. Gewissermaßen ein heidnisches Madonnenbildnis. Nur das hier die Mutter mit ihrem mit ihrem Söhnchen nicht nur eitel Freude hat. Venus ist alleinerziehende Mutter.

Diese Frau ist der vergöttlichte Wille zur Liebe.

Amor ist ein rechter Racker, der verteilt mit seinen Pfeilen die emotionalen Wallungen unter dem Menschen eher willkürlich. So sieht er aus, der den meisten von uns schon etliche leidvolle und beglückende Momente beschert hat.

Wir sind Zeuge eines kleinen innerfamilieren Disputes. Amor wird von seiner leicht betrübt und melancholisch daherblickenden Mutter mit einer schon resignierenden Geste zurück gehalten. Bestimmt weil der Lausbub wieder etwas angestellt hat, das den Weltenlauf in seltsame Turbulenzen versetzt.

Die Landschaft liegt weit unter den Beiden.

Am Horizont Windräder, ein Kraftwerk, eine Kleinstadt, in weiter Ferne ein Berg mit einem Sendemast. Eine sandige Ebene, Zeichnungen liegen da herum, Portraitskizzen. Die hat der Künstler dort zurückgelassen, vergessen, sind ihm davon geweht oder hat sie als rätselhafte Spur ausgelegt. Dann gibt es da noch ein loses Kabelende. Und als Reminiszenz an vergangene Tage eine verbeulte Getränkedose. Findet man heute eher selten.

Das ist das was wir sehen.

 

Was will der Künstler uns damit sagen?

Vor allem eines: das ist keine Deko, das ist Programm.

Sie sind immer unter uns, die Götter die Halbgötter, die hohen Herren und Damen, die Helden der Arbeit und die Versager und Verbrecher.

Das sind Historienbilder, die erlösend wirken, irgendwie abgeklärt und aufklärend – den Traum vor das Trauma setzend, beruhigt Götze die Zunft der professionellen und Hobby-Historiker, weil er als Leser, als ein Reisender, als ein Schauender seinen ganz eigenen Assoziationsketten freien Lauf läßt.

Das steht in seinen Bildern: Geschichte ist ein Traumstoff.

Die Geschichte ist die Geschichte fehlgeschlagenen Materialisation der Traumstoffproduktion.

Die Geschichtsschreibung des zwanzigsten Jahrhunderts hatte keine von Hand gemalten Bilder mehr, die waren ihr abhanden gekommen. Ideologen verlangten nur propandagistische Illustrationen. Historienbilder hatten einen schimmelpilzigen  Belag.

Götze hat nun eine riesige Marktlücke endeckt, er erzählt seine Geschichte erst mal nur für sich, und dann kommt eine Einladung, in den Bildraum. Er macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Götze entmythologisiert: Geschichte ist das was erzählt wird: die große Summe kleiner Dinge, die jeder anders sieht, nix Planbares, bleibend sind die poppebunten Geröllhalden der Zeitenläufe.

Und genau dort oben auf diesem Geröll-Berg der Erzählung fühlt er sich pudelwohl. Die Welt sei ein gewaltiger Bilderbogen. Götze nutzt die Kunst als unverwüstliche, nicht aufzubrauchende Ressource.

Aber eines ist wichtig: in jedem Bild, jeder Zeichnung endet  bei Götze die Geschichte vor dem Schrecken.

Götze arbeitet mit sinnstiftenden Optimismus als Animateur der bildungsbürgerlichen Mittelschicht – und mit einem ungebrochenem Aufbauwillen als Trümmerfrau des Alltags-Pop.

Die niemals stillstehende Wiederaufbereitungsanlage präsentiert Ihnen das Beste aus dem sechszehnten, siebzehnten, achtzehnten, neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert.

Dafür braucht man Helden die sich den Taten stellen. Weil die Welt so ist, daß etwas getan werden muß, nicht weil gewußt wird was getan werden muß, sondern weil alle verrückt werden, wenn nicht endlich einer mit einem großen Plan auftritt. Götze mag solche Gestalten, zumeist sind es Männer. Arbeitende Menschen, Entdecker, Bergleute, Matrosen, Köche, Kunstmaler, Färtenleser, Bankangestellte, Kosmonauten und Astronauten, viele Männer in karierten Hemden oder lieber gleich in Uniform.

In mehreren großen Ausstellungen in den letzten Jahren hat er ihnen bunte Bühnen gegeben als Neo-Pop-Historienmaler.

Falls Nietzsches Wort von “der ewigen Wiederkehr des Gleichen” berechtigt ist, dann geben Götzes Material-sammel-Schlacht-Bilder ein wenig Hoffnung, daß – immer wieder neu und ein bisschen besser sortiert – der ewige Kreislauf allmählich erträglicher werden kann.

Zu Götzes Bildarchitektur gehört die Proportionsverschiebung, die sonst nur im Traum und Märchen funktionieren. Das Große wird ganz schnell klein und das Kleine sehr groß. Da gibt es begehbare Kleinstplaneten, Monsterinsekten, Miniinseln, die als bürgerliche Wohnzimmer möbliert sind und Wolkenkratzer im Puppenstubenformat.

Wenn man einmal drin ist, kommt man nicht mehr raus. Und dann stellt sich das Gefühl ein, diese Malerei ist ein Abgesang auf verpasste Möglichkeiten – all das Licht, die Liebe, Hoffnung, Zuversicht im Chaos der Spiegelwelten. Da keimt der wehmütige Verdacht, daß die Artefakte unserer Erinnerungskultur nur neu arrangiert werden müssen und schon könnte es etwas werden mit der uns bekannten Welt und alle Geschichten gehen gut aus.

Ganz zum Schluß:

Zu einem technischen Alleinstellungsmerkmal von Moritz Götze:

Emaillierte Bleche sind feine Bildträger, glänzend, leuchtend, witterungsbeständig – und mit abwaschbarer und leicht zu desinfizierender Oberfläche. Mit Emaille-Schildern assoziert man immer noch das  Werbeschild.

Und so falsch ist das nicht. Götze ist die Personalisiereung einer durch und durch optimistischen Werbeagentur.

Eine seiner schönsten Erfindungen sind die Emailmädchen.

Die Frau ist eine Frau ist eine Frau ist eine Frau, ihr Kleid ist ein Kleid und eine nicht endende Tagträumerei – einfach alles was das Hirn als Phantasie so durchwabert.

Die Frau im Kleid ist eine sich selbst inszenierende Imagination.

Es gibt keine bessere Projektionsfläche. Das Kleid ist die Leinwand,  das große Stück Kino in einem Stück Stoff, ein fast nur zweidimensionales Objekt, wenn es flach irgendwo im Schrank liegt wie ein abgelegter vergessener Tag.

Volumen erhält es durch die Trägerin, und das ist nicht nur Fleisch, Muskeln und Fett sondern vor allem Aura und Einbildung.

Das kleine Farbige von Moritz Götze ist die Verheißung schlecht hin, Götze ist ein Kleiderfabrikant der Mythenreflektoren herstellt.

Die Welt im Kleid: Götze setzt in den Leib ein zweites Volumen, eine Art Bühnenschwangerschaft, man schaut in die Kleider, tiefe Räume, der Horizont des Meeres, Wüstensand und Sandstrand, und Hochhäuser und welke Blumen und nicht zu entziffernde Notizen und manchmal wird es planetarisch, und dazwischen wieder die arbeitenden Männer, die tun was sie tun müssen, aber nun nur noch aus rein dekorativen Zwecken. Die Damen leuchten von innen, sie sind eine wandelnde Verschiebung des Raum-Zeit-Kontinuums, in ihnen wabern ganze Universen.

Sie posieren in lockerer Haltung. Denkmäler ihrer selbst als Beweis, daß die Frauen recht haben, recht weil sie einfach da sind.

Götze hat die Figuren nicht ausgeschnitten, nicht freigestellt, sie sind das Bild selbst, wo ihre Silouette endet beginnt das Unwichtige das man ruhig weglassen kann, das Nichts.

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