Impressionen von der Vernissage

Sonntag, 17. März 2013, 17 Uhr
Einführung: Dr. Jördis Lademann, Kunsthistorikerin
Musik: Jürgen Karthe, Bandoneon

Laudatio von Frau Dr. Jördis Lademann

Verehrte Gäste,

„Das Mittelländische Meer hat eine Farbe wie die Makrelen, also wechselnd, man weiß nicht recht, ist es grün oder violett, man weiß nicht recht, ist es blau, denn eine Sekunde später schimmert es rosa oder grau…“

Als Vincent van Gogh im Juni 1888 diese Beobachtungen seinem Bruder Theo schilderte, hatte er längst den ihm eigenen Stil gefunden, den sich fortwährend ändernden Anblick von  Menschen und Dingen, vor allem aber von Landschaften, treffend ins Bild zu bringen. Was er nicht traf, war das Verständnis und die Anerkennung seiner Zeitgenossen, weshalb er im Aufruhr der Gefühle versuchte, immer tiefer hinter die optischen Erscheinungen und die ihnen zugrunde liegenden Wesenheiten vorzudringen.

Und es ist ganz richtig:

„Jedes Bild  ist mehr oder weniger eine Charakterstudie dessen, der es gemalt hat“,  - ein Wort C D Friedrichs, des großen Romantikers unter den Landschaftern, der die Natur als Spiegel menschlicher Empfindungen sah. - Zwei Künstler - zwei völlig verschiedene Herangehensweisen!

In unserem Fall hier sind es sogar zwei seit langem befreundete Künstler:
altersmäßig, gemessen an Jahren, nun nicht mehr so weit von einander entfernt,
thematisch, schauen Sie nur auf die Liste der Bildtitel, geradezu wie aus einem  Guss, und im Material: Öl /LW, Öl /Papier oder Pappe, hier mal ein Holzschnitt, da zwei Monotypien… - Also auch im Material klingt alles ähnlich, nur: dass  eben die jeweilige Handschrift eine völlig andere ist!

Wolfgang Kühne und Carsten Gille stellen ihre, lakonisch als „Feldversuche“ bezeichneten Landschaften zur Disposition, wohlgemerkt ihre „Feldversuche mit Paradiesgarten“.

Feldversuche werden ja mittlerweile auf den verschiedensten Gebieten unternommen:

  • für den Testlauf von Long-LKWs,
  • als Entwicklungskonzept für vernetzte,  „intelligente“ Energieversorger,

die sogenannten „Smart-Watts“
oder eben ganz simpel: als landwirtschaftliche Anlage eines kleinen Feldes für die Austestung der Effektivität verschiedener Faktoren wie Saatgut oder Düngung.

Wenn wir uns also auf die Feldversuche mit Paradiesgarten Carsten Gilles und Wolfgang Kühnes einlassen, nehmen wir an, dass der Paradiesgarten  die Urheimat der Menschheit bezeichnet: einen blühenden Garten mit vielerlei Bäumen, Früchten und Getier, in dem es, dank der dort entspringenden Paradiesflüsse, reichlich Wasser gibt, und in dessen Mitte der Lebensbaum und der Baum der Erkenntnis blühen.

Allerdings wissen wir auch, dass, unter Vernachlässigung der Schuldfrage, die ersten Menschen ihrer Neugierde wegen des Paradieses verwiesen wurden, und seither, neben vielen Errungenschaften auch Unheil, Mord und Totschlag über sie kam, und dass sich die Menschen seitdem ins Paradies zurück sehnen.

Ja,  seit der biblische Feldversuch „Mensch im Paradies“ fehlgeschlagen ist, definiert jeder sein Paradies etwas anders. Erstaunlicher Weise spielt darin noch immer eine relativ intakte Natur eine wichtige Rolle - eine Natur, in der Mensch und Tier und Pflanze einvernehmlich miteinander leben, und in der der technische und welcher menschliche Fortschritt auch immer, so unauffällig und harmonisch wie möglich, einbezogen werden kann.

Wasser kommt bei beiden Künstlern immer wieder ins Bild, auch Wiesen, Wald, der Himmel und dann erst, möglichst archaisch anmutendes Gerät oder Gehäuse.

Wolfgang Kühne kommt aus dem wasserreichen Tiefland der nördlichen Altmark, die bis heute landwirtschaftlich geprägt, von naturnahen Wald- und Heidegebieten durchzogen ist. Noch während seines Studiums an der HfBK D (1973 – 78) u.a. bei Gerhard Kettner und Jutta Damme entschied er sich 1976 für die Einrichtung eines Ateliers und der Wohnung in einem alten Fischerhaus direkt am Laubegaster Elbufer.

Aber viele von Ihnen, liebe Gäste, kennen Wolfgang Kühne und kennen wahrscheinlich auch die Geschichte von der dramatischen Rettungsaktion, während der er beim Augusthochwasser 2002 mit dem Kanu auf der wild gewordenen Elbe durch das Erdgeschoss seines Hauses trieb, um zu retten, was zu retten war.

Und noch im Nachhinein wundert er sich, dass er dabei nicht abgesoffen ist.

Doch was soll’s!

Das Haus aufgeben, kam Kühnes deshalb nicht in den Sinn.

Laubegast feiert seitdem im August sein ausgelassenes Inselfest, und dem ist Wolfgang Kühne gewiss nicht abhold.

Die Natur folgt weiterhin ihren eigenen Gesetzen.

Vielleicht ist der Respekt des passionierten Anglers, Paddlers und natürlich Malers vor der Naturgewalt noch gewachsen: in seinen Bildern jedenfalls taucht das Thema Hochwasser, an der Elbe bei Dresden oder in der Altmark, häufig auf. Niemals jedoch als beängstigende Bedrohung, sondern als selbstverständliche Naturerscheinung, die kommt und geht, die nimmt und gibt, wie seit Urzeiten.

Der Maler steht staunend davor, will, mit der ihm eigenen erdig-farbigen Noblesse und seiner entschieden reduzierenden Formgebung das Sichtbare fassen und weiß nie recht, ist es grün o violett,-  … weiß nicht recht, ist es blau, -  denn eine Sekunde später schimmert es rosa o grau…“.

Auch Carsten Gille hat, wie es scheint, einen Pakt auf Lebenszeit mit einem alten Anwesen geschlossen: Obwohl in Berlin geboren und aufgewachsen, ist er mit seiner Frau, die aus Leipzig kam, vor drei Jahrzehnten in einen alten ländlichen Dreiseithof bei Frauenstein im Erzgebirge gezogen. Und die wenige Jahre darauf in der großen Scheune in Betrieb genommene Sommergalerie im Hofefeld ist, so meine ich, die idyllischst gelegene Galerie, von der ich weiß.

Dort in der Nähe lernten sich Gille und Kühne auch kennen, indem der Eine dem skizzierenden Anderen über die Schulter schaute und bemerkte: „Ja, ick male ja auch…“ – und ihn zum Tee ins Haus lud.

Auf gelegentlichen gemeinsamen Maltouren und –reisen fanden sie verwandte Motive: heimische, märkische und italienische Feld-, Wald-, Fluss-, See- und Teichlandschaften. Doch in der Malweise blieben beide autark.

Carsten Gilles Ölbilder reflektieren ebenfalls das menschliche Bedürfnis nach unmittelbarem Naturerleben. Seine großflächig bildparallel staffelnde Handschrift, ist nach wie vor unverkennbar, mit zuweilen nach oben gekippten Draufsichten, aus deren gedämpfter Farbigkeit hin und wieder ein grelles Gelb, oder duftig pastelliges Violett aufleuchten und in die nur sparsame stilisierte Binnenzeichnung dinglich fassbare Bewegung bringt.

Tendenziell kehren allerdings seine Arbeiten neuerdings wieder näher zur gegenständlich-figürlichen Assoziation zurück; zu einer Art Landschafts-Psychogramm: mehr Stimmung, als Bild, mehr Impression, als impressionistisch gemalt zu sein. Stark reduziert in der Form, verhalten schwelgend in den Farben, die aus einiger Entfernung oft als klar begrenzte Flächen erscheinen, doch in der Nähe intensiv bewegt und wie durchpulst von Leben sind.

Der See liegt verträumt unter dem Grün von Bäumen, ob nun ein Kahn darüber hingleitet, oder nicht. Pfade führen von A nach B, und betritt sie der Mensch, erschließt sich das Bild in einem weiteren Sinn. Immer aber hat die Farbe in Gilles Bildwelt in ihrem meist flächigen Einsatz einen autonomen Charakter. Sie dient sich weder der Lokalfarbe an, noch der Beschreibung von Oberflächenstrukturen. Er setzt sie vielmehr als Mittel ein, die farblichen Empfindungen wiederzugeben, die der Eindruck eines Motivs in ihm weckt.

Er misst keiner Form, weder dem Gegenstand, noch der Figur, mehr Bedeutung bei als dem Binnenraum, d. h. dem Raum zwischen den Gegenständen. Farbe und Form sind meist eins. Mit dieser Gleichstellung von Farbe und Form treten die räumlichen Beziehungen zwischen den Objekten zwar in den Hintergrund, werden jedoch nicht völlig negiert.

So vollzieht Gille auch nie den Schritt zur völligen Abstraktion.

Die Bilder vom See, oder auch vom Gimmlitztal im Osterzgebirge, das ganz in Blautönen gehalten ist, widerspiegeln seine Vision vom achtsamen Miteinander, sowohl von Mensch und Natur, als auch von Mensch zu Mensch.

Diese immer wieder gemalte Vision ist zugleich Carsten Gilles Lebensvision.

Die Resultate des Feldversuchs mit Paradiesgarten der beiden Künstler gehen also dahin, dass der Mensch ganz gut auch außerhalb des „hortus conclusus“ – außerhalb des geschützten biblischen Paradiesgartens – existieren kann, wenn er sich auf diesen achtsamen Dialog mit seinem Umfeld einlässt.

Kühnes Ölgemälde verleihen diesem Umfeld Glanz und vielschichtige Tiefe – Gilles Bilder schenken ihm sinnbildhafte Zeitlosigkeit.

Nun - Carsten Gille und Wolfgang Kühne sind heute abend hier – kommen wir nachher miteinander ins Gespräch! Ich wünsche der Ausstellung eine gute Resonanz, viele aufmerksame Besucher, und allen einen anregenden Abend mit Carsten Gille, Wolfgang Kühne und Jürgen Karthe !

Dresden, März 2013

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